Helfen Vögel dem Wald beim Wachsen?

Expertinnen der Universität Gießen forschen in der Studienlandschaft Schwingbachtal
 Forscher der Universität Gießen haben den Schwingbach und seine Umgebung bereits seit rund zehn Jahren im Blick: Seit 2010 werden an verschiedenen Stellen im Bachlauf Messungen vorgenommen, zum Beispiel um die Beziehungen von Wasser und Landnutzungen zu untersuchen. Nun kommt ein zweites interdisziplinäres Forschungsprojekt hinzu mit dem Ziel, auch das Verhalten der Bäume in die bestehende Dauerbeobachtung des Ökosystems einzubeziehen. Dafür wurden an zwei Standorten jeweils acht Bäume mit Dendrometern ausgestattet. Diese Geräte zeichnen die Umfangsveränderung der Bäume auf. Mit den Ergebnissen können die Fachleute Rückschlüsse darauf ziehen, welche Rolle die Bäume für den hydrologischen Kreislauf spielen und wie sich extreme klimatische Ereignisse auf das Wachstum verschiedener Baumarten bzw. auf verschiedene Standorte auswirken.

Dendrometer messen das Wachstum der Bäume und zeichnen dies auf

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt wird von den Professorinnen Petra Quillfeldt ( (Arbeitsgruppe Verhaltensökologie und Ökophysiologie) und Lea Schneider (Leiterin der Arbeitsgruppe „Mensch-Klima-Beziehungen) sowie Diplom-Biologin Birgít Kleinschmidt vom Zentrum für internationale Entwicklungs- und Umweltforschung (ZEU) der Justus Liebig Universität Gießen betreut. Um die Vorgehensweise genauer zu erklären, haben sich zwei der Expertinnen am Waldkindergarten in Volpertshausen mit Bürgermeister Christof Heller und Revierförster Lutz Herbel  (Hessen Forst / Forstamt Wetzlar) getroffen. Von dort geht es zu Fuß weiter an den ersten Standort der Messungen.

Birgit Kleinschmidt erklärt dort das Messverfahren der Dendrometerstationen: „Mit diesen etwa zigarrrenkistengroßen Messgeräten wollen wir über einen Zeitraum von drei Jahren drei Wachstumsperioden der Bäume aufzeichnen, um eine möglichst große Bandbreite an Witterungsbedingungen zu erfassen.“ Zur Installation mussten ungefähr 15 Zentimeter lange Schrauben in den Baumstamm gebohrt werden. „Diese beeinflussen das Wachstum und die Gesundheit aber nicht“, versichert die Biologin, „die Technik ist so sensibel, dass sogar Tagesschwankungen im Baumumfang erfasst werden, zum Beispiel nach starken Regenfällen. Die  aufgezeichneten Daten lesen wir regelmäßig aus. Unser Team ist also zur Zeit ziemlich oft im Hüttenberger Wald unterwegs.“

Vögel fressen Schädlinge und sind damit Ökodienstleister

In einem zweiten Teil des Forschungsprojekts wird der Einfluss von Vogelarten wie zum Beispiel der Blau- und der Kohlmeise auf die Baumgesundheit untersucht. „Einfach gesagt, wollen wir herausfinden, ob Vögel dem Wald beim Wachsen helfen“, erklärt Lea Schneider den Projektziel. „Dafür gibt es Vergleichsflächen: In einem Waldbereich bringen wir 30 Nistkästen in der Nähe der Bäume an, deren Wachstum wir messen. Wir versuchen dadurch, die Vogelpopulation zu erhöhen. Für die Kontrollbeobachtung gibt es ein anderes Gebiet in ausreichender Entfernung ohne zusätzliche Nistkästen und ein drittes Gebiet mit Vogelausschlusskäfigen, in dem junge Bäume eingezäunt werden und der Standort für Vögel damit unattraktiv wird.“ Gleichzeitig wird das Ausmaß von Blattfraß untersucht, um Aufschluss über das Insektenvorkommen zu erhalten: „Denn“, so die Leiterin der Arbeitsgruppe, „je mehr Vögel es gibt, desto mehr Insekten werden gefressen, und umso weniger Schädlinge können den Bäumen zusetzen.“

Birigt Kleinschmidt ergänzt: „Wir gehen auch davon aus, dass in bewirtschafteten Wäldern weniger Vögel leben als in naturbelassenen Wäldern, denn Totholz bietet ideale Bedingungen für Insektenwachstum. Dies wiederum zieht Vögel als Nahrungsquelle an. Mehr Vögel im Wald machen unser Ökosystem stabiler. Aber diese Grundannahme muss durch Messungen und Beobachtungen belegt werden.“

Lutz Herbel und Christof Heller sind sich einig: „Was der Wald für uns Menschen leistet, müssen wir noch viel mehr schätzen lernen. Die Forschungsprojekte der Studienlandschaft Schwingbachtal leisten wichtige wissenschaftliche Grundlagenarbeit und helfen damit letztlich auch uns, die Zusammenhänge besser zu verstehen.“

Bildunterschrift:

Diplom-Biologin Birgit Kleinschmidt erklärt die Funktionsweise von Dendrometern, die auch tagesaktuelle Schwankungen in der Ausdehnung der Bäume erfassen können.

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