Hüttenberg in der Steinzeit

Die längste Epoche der Menschheitsgeschichte ist zweifellos die Steinzeit. Sie reicht in Hessen bis etwa um 1800 v. Chr. und ist nach dem Material benannt, aus dem die Werkzeuge und Waffen hergestellt wurden. Innerhalb der Steinzeit werden drei Epochen unterschieden: Die Altsteinzeit (bis etwa 10000 v. Chr.), die Mittelsteinzeit (etwa 10000 bis 5600 v. Chr.) und die Jungsteinzeit (5600 bis 1800 v. Chr.)  


Altsteinzeit (Paläolithikum), bis etwa 10000 v. Chr.

Als die ersten Menschen auf dieser Erde erschienen, haben sie sich zunächst der Werkzeuge bedient, die sozusagen direkt vor ihren Füßen lagen: den Steinen. Im Laufe der Zeit lernten sie, bestimmte Steinarten so zu bearbeiten, dass an ihren Enden scharfe Klingen entstanden. Hierfür eignete sich der Feuerstein am besten, mit dem man - wie der Name schon sagt - auch Feuer machen konnte. Zunächst hielt man diese bearbeiteten Steine als Faustkeile in der Hand, später wurden sie dann an Holzstielen befestigt.

Fährt man auf der Straße von Rechtenbach in Richtung Butzbach, so kommt man am Ende der Steigung oberhalb Rechtenbachs an einer tiefen Lehmgrube auf der rechten Seite vorbei, die heute mit Bäumen und Büschen zugewachsen ist (Foto unten).

In dieser Grube fand man in den 50er Jahren einige Bruchstücke und Absplitterungen von Feuerstein, die wohl eine Gruppe von altsteinzeitlichen Jägern in der mittleren Altsteinzeit hier zurückgelassen hat . Auch Spuren von verkohltem Holz einer Feuerstelle ließen sich nachweisen. Diese Funde gehören zu den ältesten menschlichen Zeugnissen in unserem Raum. Leider sind sie inzwischen nicht mehr auffindbar.
                                       Zeichnung: Heinrich Janke

Mittelsteinzeit (Mesolithikum), etwa 10000 bis 5400 v. Chr.

Das Mesolithikum ist vom Zurückweichen des Eises der letzten Eiszeit und der damit verbundenen Klimaerwärmung gekennzeichnet. Immer mehr Wälder breiteten sich aus. Die großen Tierherden der Altsteinzeit wanderten ab, stattdessen siedelten sich Rothirsche, Rehe und Wildschweine in den Wäldern an. Dadurch änderte sich auch die Lebensweise der Menschen: Sie folgten nicht mehr den Herden, sondern jagten von festen, allerdings noch saisonal wechselnden Wohnplätzen aus Waldtiere. Auch der Fischfang gewann an Bedeutung. Mit dem Erscheinen der ersten bäuerlichen Kulturen um 5400 v. Chr. endete die Zeit des Mesolithikum in Hessen.

Die Epoche der Mittelsteinzeit ist eigentlich nur im Norden Europas durch Fundstellen vertreten, wo die Besiedlungsspuren  durch die eiszeitlichen Schmelzwasser und Schlick versiegelt wurden. Da es in Mittelhessen aber keine Eisbedeckung gab, lassen sich  in unserer Gegend so gut wie keine Spuren mehr aus der Mittelsteinzeit nachweisen.  Im Bereich der Gemeinde Hüttenberg gibt es bisher keine Fundstelle aus dieser Zeit.

Jungsteinzeit (Neolithikum), 5400 bis 1800 v. Chr.

Etwa 5400 v. Chr. ging die Mittelsteinzeit (Mesolithikum), die Zeit der Jäger und Sammler, in Hessen zu Ende. Auf sie folgte die Jungsteinzeit (Neolithikum), die mit erheblichen Veränderungen in der Lebens- und Wirtschaftsweise der Menschen verbunden war. Aus Westungarn wanderten Ackerbauern und Viehzüchter ein,  wurden sesshaft und schufen so die erste Kulturlandschaft in Hessen. Nach ihren charakteristischen Gefäßverzierungen wurde die Kultur "Bandkeramik" genannt und war von Tschechien bis in die Niederlande und Frankreich verbreitet. Auch die nachfolgenden jungsteinzeitlichen Kulturen wurden nach der Art, ihre Keramikgefäße herzustellen und zu verzieren, unterschieden:   Rössener-, Michelsberger-, Schnurkeramik- und Glockenbecherkultur. Um 1800 v. Chr. wurde in Hessen die Steinzeit von der Bronzezeit abgelöst.

Karte Sabine Schade-Lindig

Die Tafel zeigt die Ausbreitung der jungsteinzeitlichen Siedlungs- und Wirtschaftsweise (Grafik: S. Schade-Lindig, Landesamt für Denkmalpflege)

Die Bandkeramiker als erste Bauern in Hüttenberg  (5400 - 4900 VOR CHR)

Die ersten Spuren der aus Westungarn nach Hessen einwandernden Ackerbauern, der Bandkeramiker,  finden sich in der Wetterau. In Hüttenberg lassen sich Siedlungen dieser Kultur an mehreren Stellen nachweisen: Beim Bau des Rechtenbacher Kindergartens "Im Baumgarten" stieß man auf Spuren einer bandkeramischen Siedlung. Auch in Kleinrechtenbach müssen einmal Bandkeramiker gesiedelt haben. Sehr viele Funde gibt es von bandkeramischen Siedlungsplätzen in der Gemarkung von Hörnsheim. Westlich des Lindenhofs wurden in den 1970er Jahren Steinbeile und ein Keramikkumpf mit der typischen Linienverzierung gefunden (siehe Abbildung). Im Rahmen der EON-Trassengrabung 2006/2007 konnte ein bisher unbekanntes Grabenwerk freigelegt werden, das über einen Zeitraum von über 300 Jahren im Inneren beisiedelt war. Schließlich wird eine Mitte des 19. Jahrhunderts in Volpertshausen gefundene Hacke auch der Zeit der Bandkeramiker zugeordnet.

Mit der Sesshaftigkeit der eingewanderten Bauern  begann die umfangreiche Rodung der Wälder, um Ackerland zu erhalten und auch Bau- und Feuerholz zu gewinnen. Die Bandkeramiker waren die ersten Menschen auf mitteleuropäischem Boden, die stabile Bauten errichteten. Ihre Häuser konnten weit über 30m lang sein und wurden  in Pfostenbauweise, zumeist aus Eichestämmen errichtet. Im Inneren des Grabenwerks in Hörnsheim wurden fünf bandkeramische Häuser ausgegraben, die mit bis zu 13.20m Länge als kleinere bandkeramische Häuser gelten und alle NW-SO ausgerichtet waren.  Die länglichen Gruben parallel zu den Längswänden dienten der Lehmentnahme für den Wandverputz. Mit Hilfe der Pfostenspuren ließ sich eine Dreiteilung erkennen: Der Mittelteil war vermutlich der Wohn- und Arbeitsbereich, der durch eine geschlossene Holzwand besonders geschützte Nordwestteil Wohn- und Schlafbereich. Im südöstlichen Teil trugen Doppelpfosten noch einen Zwischenboden. Bandkeramische Häuser wurden vermutlich nur von der Kernfamilie bewohnt. Die nächste Generation baute nebenan ein neues Haus.

Auf den Feldern in der Nähe der bandkeramischen Siedlungen wuchsen die Getreidesorten Emmer und Einkorn. Mit Sicheln aus Holz und Horn, in die Feuersteinklingen eingeklebt waren, wurden die Getreideähren abgeschnitten. Danach folgte das Entspelzen im Mörser und im Sieb. Erst danach verarbeitete man die Körner mit Mahlsteinen zu Mehl. Hieraus konnten Fladen und Brote in Öfen gebacken oder in Keramiktöpfen Brei und Eintöpfe gekocht werden. Im Garten wurden Erbsen und Linsen angebaut, die wie die Getreidesorten aus dem Osten stammten. Wildpflanzen, Wurzeln, Beeren und Haselnüsse ergänzten die selbst produzierten Nahrungsmittel. Fleisch stellte eine Ausnahme auf dem Speisezettel dar. Gejagt wurde nur selten, denn die ersten Bauern hielten Rinder, Schafe, Schweine und Ziegen.

Hüttenberg in der Mittleren und Späten Jungsteinzeit

Die bandkeramische Kultur wurde von der Rössener Kultur (ca. 4500 bis 4300 v. Chr.) abgelöst. Auch aus dieser Epoche finden sich in Hüttenberg Spuren.

In Hörnsheim, westlich des Lindenhofs, an einem Hang, der auch schon zur Zeit der Bandkeramiker besiedelt war, entdeckte man 1978 Keramik, Steingeräte und Hüttenlehm, die der Rössener Kultur zugeordnet werden können.

Auch in Reiskirchen wurde im Bereich der Ferngasleitung ein Siedlungsplatz mit einigen Grubenresten und einer Vorratsgrube aus der Zeit der Rössener Kultur entdeckt.

Schließlich weisen Funde aus der Schnurkeramikkultur (2800 bis 2200 v. Chr.) darauf hin, dass auch in dieser jungsteinzeitlichen Epoche Ackerbauern und Viehzüchter in Hüttenberg siedelten. Auch sie wurden nach der Art, ihre Keramik zu verzieren, benannt. In Hügelgräbern im Hochelheimer Wald entdeckte man gut erhaltene Becher mit den typischen Schnurverzierungen. Kennzeichnend für Männergräber der Schnurkeramiker ist auch die Beigabe von Streitäxten. In Hörnsheim wurde ein Exemplar gefunden, und auch in der Hochelheimer Talstraße fand sich 1972 eine facettierte Axt, die den Schnurkeramikern zugeordnet werden kann.  Schmuckstücke und Dolche aus Kupfer, die aus Gräbern der späten Schnurkeramiker zum Vorschein kamen, kennzeichnen diesen Zeitabschnitt bereits als Übergang zur Bronzezeit.

Auch in Vollnkirchen siedelten schon  in der Jungsteinzeit Bauern. Um 1919 wurde hier ein Beil aus der schnurkeramischen Zeit gefunden.

Darüber hinaus gibt es in Hüttenberg noch manche steinzeitlichen Funde, die sich nicht eindeutig datieren lassen. Sicher lässt sich aber sagen, dass in allen Ortsteilen von Hüttenberg schon in der Steinzeit Menschen lebten.