Jüdisches Leben in Hüttenberg

Schon vor über 400 Jahren lebten im Bereich der heutigen Gemeinde Hüttenberg jüdische Familien, zunächst in Vollnkirchen, ab dem 18. Jahrhundert in Hochelheim und Hörnsheim. Bis weit in das 19. Jahrhundert war ihr Leben geprägt vom Kampf mit der Obrigkeit um die Aufenthaltsberechtigung. Trotz  aller Widerstände fand die jüdische Minderheit ihren festen Platz in der bäuerlichen Dorfgemeinschaft als Vieh- und Warenhändler. In der christlichen Bevölkerung lebten die jüdischen Familien in guter Nachbarschaft und sie waren aktive Mitglieder in den dörflichen Vereinen. Ihre zahlenmäßig größte Stärke erlebte die jüdische Gemeinde um 1885 mit 47 Einwohnern.

Lebten um 1925 noch etwa 28 Menschen mit jüdischem Glaubens-bekenntnis in Hüttenberg, so waren bis 1939 fast alle vor der NS-Herrschaft geflohen. Simon und Mathilde Rosenbaum aus Hochelheim wurden 1941 nach Kaunas (Kowno) im besetzten Litauen verschleppt und dort erschossen. Acht weitere Menschen, die in Hüttenberg geboren und dort aufgewachsen waren, fanden durch das NS-Regime den Tod.

In dem 2011 erschienenen  Buch "Jüdisches Leben in Hüttenberg" von Christiane Schmidt und Marianne Bill wird die Geschichte der Hüttenberger Juden aufgearbeitet. Sie können es  zum Preis von 12 € hier bestellen. Das auf umfangreichen Archivforschungen, Gesprächen mit Überlebenden und Zeitzeugen aus Hüttenberg basierende Werk vermittelt mit zahlreichen bisher unbekannten Fotos einen lebendigen Eindruck vom Leben der ehemaligen jüdischen Bevölkerung in Hüttenberg.

Einzig sichtbares Zeugnis der jüdischen Vergangenheit sind zwei jüdische Friedhöfe in den Ortsteilen Hörnsheim und Vollnkirchen:


Der jüdische Friedhof in Hörnsheim

Der jüdische Friedhof von Hörnsheim, einem Ortsteil der Gemeinde Hüttenberg in Hessen, liegt am nördlichen Ortsrand im Neubaugebiet „Stieläcker“. Er umfasst ein Areal von 437 m2 und wurde im Jahr 1894 neu angelegt. Insgesamt sind auf dem jüdischen Friedhof in Hörnsheim 21 Personen begraben worden. Die erste Beerdigung fand im September 1894 statt, die letzte im Februar 1931. Alle Gestorbenen erhielten Grabsteine, die alle heute noch vorhanden sind.
Mehr Informationen zur Geschichte des Friedhofs

Alle Grabsteine als Übersicht

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Grab  3 Helene Lindenbaum (1816-1897) wurde um 1816 in Hochelheim geboren und Hannchen der Hehel genannt. Sie war mit dem Schuster Isaac Lindenbaum verheiratet und überlebte ihre drei Kinder. Bis zu ihrem Tod wohnte sie bei Liebmann Rosenbaum, ihrem Schwiegersohn. Grab 4  Regina Rosenbaum (1819-1898) geb. Stern,. Sie stammte aus Wieseck, verheiratet mit Moses Rosenbaum (Grab Nr. 2) und lebte mit ihm in Hörnsheim. Grab 5 Minna Bock (1843-1899) aus Münzenberg. Sie war die zweite Ehefrau von Hirsch Bock (Grab Nr. 11). Grab  6 Fanny Kahn, geb. Loeb (1827-1900) war die zweite Ehefrau von Loeb Kahn und kam mit ihrer Heirat 1859 nach Hocheheim. Ihr Geburtsort ist nicht bekannt. Grab  7 Rosa Rosenbaum (1885-1905) wurde in Hochelheim als Tochter von Liebmann Rosenbaum und seiner ersten Frau Johanna, geb. Lindenbaum, geboren. Rosa starb unverheiratet im Alter von nur 20 Jahren. Grab 8 Sara Baer wurde in Langgöns als Tochter von Marcus Baer und Best Kahn, die aus Hochelheim stammte, geboren. Sie blieb unverheiratet und wohnte am Ende ihres Lebens im Haus von Liebmann Rosenbaum in der Eichgasse in Hochelheim. Grab 9 Fanny Kahn, geb. Jacob (1849-1917) stammte aus Biskirchen und heiratete 1882 Aron Kahn aus Hochelheim. Unter dem Namen  Krämerei Geschwister Kahn führte sie, nachdem ihr Mann schon seit 1894 in einer Heilanstalt leben musste, ein Geschäft in der Hauptstraße von Hochelheim Grab 10 Therese Rosenbaum (1852-1918) geb. Blumenthal, stammte aus Weiher im Oberlahnkreis. Sie heiratete den Viehhändler Simon Rosenbaum (Grab Nr. 15) aus Hörnsheim und hatte mit ihm neun Kinder. Sie führte ein Wäschegeschäft in ihrem Wohnhaus. Grab 11 Hirsch Bock (1835-1918) stammte aus Biskrichen und heiratete in den 1860er Jahren Johannette Joel aus Hochelheim. Um 1874 heiratete er Minna Katz (Grab Nr. 5). Er lebte in Hochelheim in der Eichgasse. Grab 12 Siegmund Rosenbaum (1893-1918) war der jüngste Sohn von Simon (Grab Nr. 15) und Therese Rosenbaum (Grab Nr. 10). Er nahm am 1. Weltkrieg teil und starb in einem Lazarett in Freiburg/Littenweiler an der spanischen Grippe. Grab  13 Minna Kahn (1862-1920) war die unverheiratete Tochter von Loeb Kahn und seiner zweiten Frau Fanny, geb. Loeb (Grab Nr. 6). Sie lebte im Haushalt ihres Stiefbruders Aron und dessen Frau und half vermutlich im Geschäft der Familie. Grab 14 Hilda Bauer (1862-1924) stammte aus Leihgestern und war die zweite Ehefrau von Liebmann Rosenbaum in der Eichgasse (heute Nr. 1) in Hochelheim. Grab 15 Simon Rosenbaum (1853-1925) wurde in der Ringstraße in Hörnsheim geboren. Er war Viehhändler und blieb bis zu seinem Tod in seinem Elternhaus wohnen. Verheiratet war er mit Therese, geb. Blumenthal (Grab Nr. 10) und hatte mit ihr 9 Kinder. Grab 16 Minna Rosenbaum, geb. Hess (1844-1926) stammte aus Usenborn. Sie heiratete 1874 Heimann Rosenbaum. Die Fmailie lebte ab 1877 in der Kühgasse in Hochelheim (heute Wetzlarer Str. 15). Nach dem frühen Tod ihres Mannes musste sie vier Kinder alleine aufziehen. Grab 17 Manfred Rosenbaum (1925-1929) war das jüngste Kind von Julius und Kathinka Rosenbaum aus Hörnsheim. Er war vermutlich von Geburt an behindert und starb schon mit vier Jahren. Grab 18 Bettchen Rosenbaum (1845-1929) geb. Rosenbaum. Sie stammte aus Gambach und lebte mit ihrem Ehemann David Rosenbaum II  (Grab Nr. 21)in der Hauptstraße in Hörnsheim. Sie unterhielt einen Gemischtwarenladen. Von ihren 7 Kindern wurden 3 Töchter Opfer des Holocaust. Grab 19 Franziska Jordan (1874-1929) geb. Rosenbaum, Tochter von Heimann Rosenbaum und Minna, geb. Hess (Grab Nr. 16). Sie heiratete ignatz Jordan und führte ein Geschäft in der Hochelheimer Hauptstraße (heute Nr. 62). Zwei ihrer drei Söhne starben im Konzentrationslager. Grab 20 Sabina Bock (1877-1929) war die unverheiratete Tochter von Hirsch Bock (Grab Nr. 11) und Minna Bock (Grab Nr. 5). Zeit ihres Lebens wohnte sie in ihrem Elternhaus in der Eichgasse. Grab 21 David Rosenbaum (1849-1931), in Hörnsheim als Sohn von Moses Rosenbaum und Regina (Grab Nr. 2 und 4) geboren. Verheiratet mit Bettchen (Grab Nr. 18) und wohnte in der Hauptstrße in Hörnsheim. Er war Viehhändler und Vorsteher der jüdischen Lokalgemeinde. Grab 2 Moses Rosenbaum (um 1809 bis 1895) geboren in Hörnsheim. Er war Schuhmachermeister, Vieh- und Kolonialwarenhändler und ab ca. 1884 Vorsteher der jüdischen Lokalgemeinde. Mit seiner Ehefrau Regina (Grab Nr. 4) hatte er sechs Kinder. Grab 1 Hermann Rosenbaum wurde als viertes Kind von Simon (Grab Nr. 15) und Therese  Rosenbaum in Hörnsheim (Grab Nr. 10) geboren. Er ging nie zur Schule und wurde am 6. 9. 1894 im Alter von neun Jahren beerdigt.

Hier können Sie die ausführliche Beschreibung der Grabsteine und die Übersetzung der Inschriften herunterladen.

Der jüdische Friedhof in Vollnkirchen

Am südlichen Ortsrand von Vollnkirchen liegt ein kleiner, heute nur noch 136m2 umfassender jüdischer Friedhof. Grabsteine sind keine mehr vorhanden und Gräber nicht mehr zu erkennen.  Schon 1619 wird er erstmalig erwähnt im Zusammenhang mit Beerdigungsgebühren an die Herren von Schwalbach, die auch das Schutzgeld der Vollnkirchener Juden einnahmen. Auch nach Erweiterungen im 18. und 19. Jahrhundert war der Friedhof 1893 endgültig zu klein und wurde zugunsten einer Neuanlage in Hörnsheim aufgegeben.

Vier Jahrhunderte lang war der jüdische Friedhof in Vollnkirchen ein Sammelfriedhof für die Juden mehrerer Dörfer: Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts für Linden und Vollnkirchen, später für die jüdischen Einwohner von Hochelheim, Hörnsheim und Lützellinden. Für Beerdigungen aus weiteren Dörfern gibt es bisher keinen Hinweis. Heute gilt der Friedhof von Vollnkirchen als einer der ältesten jüdischen Landfriedhöfe in Hessen  und befindet sich im Besitz des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden.

Hier erhalten Sie mehr Informationen zur Geschichte der Juden in Vollnkirchen und zum Friedhof